Ratgeber · Kultur & Religion · Stand Juli 2026
Goldene Zwiebeltürme, Weihrauch, Menschen die im Stehen beten: Wer Russland verstehen will, kommt an der Orthodoxie nicht vorbei. Dieser Leitfaden erklärt, wie der orthodoxe Glaube den Alltag prägt, warum Weihnachten am 7. Januar gefeiert wird – und wie du dich in einer Kirche richtig verhältst.
Warum die Orthodoxie für Russland mehr ist als eine Konfession
Für viele Deutsche ist Religion Privatsache – eine Frage des persönlichen Glaubens, die man sonntags oder auch gar nicht auslebt. In Russland funktioniert das anders, und dieser Unterschied ist der Schlüssel zum Verständnis: Die Orthodoxie wird dort weniger als Bekenntnis verstanden denn als kulturelle Herkunft. Viele Russen bezeichnen sich als orthodox, ohne regelmäßig in die Kirche zu gehen – so wie ein Bayer sich als katholisch versteht, auch wenn er die Messe meidet. Die Kirche ist Teil der Familiengeschichte, der Feste, der Sprache.
Die Umfragedaten zeigen diese Lücke sehr deutlich. Als orthodox bezeichnen sich je nach Institut 65 bis 73 Prozent der Russen. Aber nach einer Erhebung des Lewada-Zentrums vom Februar 2026 geben 55 Prozent an, nie einen Gottesdienst zu besuchen – zum ersten Mal seit 1998 sind die Nichtbesucher damit in der Mehrheit. Eine internationale Studie des Pew Research Center kam schon 2017 zu dem Ergebnis, dass nur etwa sechs Prozent der orthodoxen Russen wöchentlich in die Kirche gehen.
Dazu kommt ein historischer Umstand, den man im Westen leicht unterschätzt: Die Sowjetunion hat siebzig Jahre lang versucht, die Religion zu beseitigen. Kirchen wurden gesprengt, in Lagerhallen und Schwimmbäder umgewandelt, Geistliche verfolgt. Was heute an Frömmigkeit sichtbar ist, ist deshalb für viele Russen keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas Wiedergewonnenes. Die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau steht dafür beispielhaft: 1931 gesprengt, jahrzehntelang ein Freibad, in den 1990ern originalgetreu wiederaufgebaut.
Wer das weiß, versteht besser, warum religiöse Symbole in Russland oft mit einer Ernsthaftigkeit behandelt werden, die westliche Besucher überrascht – und warum ein flapsiger Umgang damit schlecht ankommt.
Der andere Kalender: Warum Weihnachten am 7. Januar ist
Die Russisch-Orthodoxe Kirche rechnet ihre Feste bis heute nach dem julianischen Kalender, der dem bei uns gebräuchlichen gregorianischen Kalender aktuell 13 Tage hinterherläuft. Der 25. Dezember des Kirchenkalenders fällt damit auf den 7. Januar des Alltagskalenders. Der Alltag selbst – Behörden, Fahrpläne, Arbeitsverträge – läuft dagegen ganz normal nach dem gregorianischen Kalender.
Ein verbreiteter Irrtum: Nicht alle orthodoxen Kirchen feiern am 7. Januar. Am julianischen Kalender halten neben der russischen vor allem die serbische, die georgische und die Jerusalemer Kirche fest. Griechenland, Rumänien und Bulgarien nutzen dagegen den neojulianischen Kalender und feiern Weihnachten gemeinsam mit dem Westen am 25. Dezember. Übrigens bleibt der Abstand von 13 Tagen nur noch bis 2100 bestehen – danach wächst er auf 14 Tage, und das russische Weihnachten rutscht auf den 8. Januar.
Die wichtigsten Feste im Kirchenjahr
| Fest | Termin | Was passiert |
|---|---|---|
| Weihnachten (Рождество) | 7. Januar | Nachtliturgie, stilles Familienfest, oft Fastenbrechen |
| Dreikönigsbad (Крещение) | 19. Januar | Eisbaden im Kreuz-förmigen Loch, Weihe des Wassers |
| Butterwoche (Масленица) | beweglich, Feb./März | Blini-Woche vor der Fastenzeit, Volksfeste, Strohpuppe wird verbrannt |
| Ostern (Пасха) | beweglich, April/Mai | Das höchste Fest der Orthodoxie – wichtiger als Weihnachten |
| Dreifaltigkeit (Троица) | 50 Tage nach Ostern | Kirchen und Wohnungen werden mit Birkengrün geschmückt |
Die beweglichen Feste richten sich nach dem orthodoxen Osterdatum, das nach eigener Regel berechnet wird und deshalb meist später liegt als das westliche Ostern:
| Jahr | Ostern (Пасха) | Butterwoche | Beginn der großen Fastenzeit |
|---|---|---|---|
| 2026 | 12. April | 16.–22. Februar | 23. Februar |
| 2027 | 2. Mai | 8.–14. März | 15. März |
| 2028 | 16. April | 21.–27. Februar | 28. Februar |
2027 ist ein Sonderfall: Mit dem 2. Mai liegt das orthodoxe Ostern fünf Wochen nach dem westlichen (28. März) – das ist der größtmögliche Abstand. Ein Jahr später, 2028, fallen beide Termine dagegen auf denselben Tag.
Ostern ist in Russland das Fest der Feste. In der Nacht zum Ostersonntag ziehen die Gläubigen mit Kerzen dreimal um die Kirche, danach begrüßt man sich wochenlang mit „Christos woskres!“ („Christus ist auferstanden!“) – die Antwort lautet „Woistinu woskres!“ („Wahrhaftig auferstanden!“). Auf dem Tisch stehen der hohe Hefekuchen Kulitsch, die Quarkspeise Pas’cha und bunt gefärbte Eier.
Kirchenbesuch: die zehn wichtigsten Verhaltensregeln
Russische Kirchen sind aktive Gotteshäuser, keine Museen – auch die berühmten. Wer sich an ein paar einfache Regeln hält, fällt nicht auf und wird überall freundlich empfangen.
Kleidung
Frauen bedecken den Kopf (ein Schal genügt, oft liegen welche am Eingang aus) und tragen Rock oder lange Hose; Männer nehmen die Kopfbedeckung ab. Kurze Hosen und Trägertops sind unpassend.Keine Bänke – das ist Absicht
In orthodoxen Kirchen wird gestanden, oft stundenlang. Es gibt nur wenige Sitzplätze am Rand, die Älteren und Kranken vorbehalten sind.Bekreuzigen von rechts nach links
Mit drei zusammengelegten Fingern, in der Reihenfolge Stirn – Bauch – rechte Schulter – linke Schulter. Als Nicht-Orthodoxer musst du gar nichts tun; einfach ruhig danebenstehen ist völlig in Ordnung.Kerzen richtig aufstellen
Kerzen kauft man am Stand im Eingangsbereich. Für Verstorbene sind sie am rechteckigen Tisch mit dem Kruzifix gedacht (Kanun), der meist links steht; für die Gesundheit der Lebenden an allen anderen Leuchtern vor den Ikonen. Und keine Sorge: Wer sie falsch aufstellt, macht nichts kaputt – das sagen die Priester selbst.Fotografieren nur nach Erlaubnis
In vielen Kirchen ist Fotografieren untersagt, besonders während des Gottesdienstes. Frag im Zweifel die Aufsicht – ein Nicken genügt.Nicht durch die Mitte laufen
Der Mittelgang vor der Ikonenwand bleibt frei, dort bewegen sich die Geistlichen.Die Ikonenwand nicht durchqueren
Der Raum hinter der Ikonostase (dem Altarraum) ist Laien nicht zugänglich.Hände nicht in den Taschen
Gilt als respektlos – ebenso wie verschränkte Arme vor der Brust.Leise sein, Handy aus
Auch wenn gerade kein Gottesdienst läuft: In der Kirche wird nicht laut gesprochen.Ikonen küssen ist freiwillig
Gläubige küssen Ikonen an Hand oder Gewandsaum, nie ins Gesicht. Als Besucher lässt man es einfach. Wer mitmacht und Lippenstift trägt: vorher abwischen – sonst beschädigt man die Ikone, und das gilt als grober Fauxpas.
Nicht nur orthodox: Russland ist ein multireligiöses Land
Wer nur nach Moskau und Sankt Petersburg reist, nimmt Russland leicht als rein orthodoxes Land wahr. Tatsächlich ist es historisch ein Vielvölkerstaat mit vier traditionell anerkannten Religionen – Orthodoxie, Islam, Buddhismus und Judentum. Das prägt ganze Regionen:
Vier Religionen gelten in Russland als „traditionell“ und werden staatlich anerkannt: Orthodoxie, Islam, Buddhismus und Judentum.
🕌 Islam
Zweitgrößte Religion. Wie groß genau, ist unklar – die Volkszählung 2021 fragte die Religion gar nicht ab. Umfragen kommen auf 6 bis 7 Prozent, ethnische Hochrechnungen auf bis zu 15 Prozent. Verwurzelt in Tatarstan, Baschkortostan und im Nordkaukasus.
☸️ Buddhismus
Rund ein Prozent, konzentriert in Burjatien am Baikal, in Kalmückien und Tuwa. Tibetisch geprägt; 1741 offiziell anerkannt. Zentrum ist der Iwolginski-Datsan bei Ulan-Ude.
✡️ Judentum
Jahrhundertealte Gemeinden, in Umfragen unter einem Prozent. Die Moskauer Chorsynagoge und das Jüdische Museum in Moskau sind für Besucher zugänglich.
☦️ Altgläubige
Eine Abspaltung aus dem 17. Jahrhundert, die die vorreformatorischen Riten bewahrt hat – sichtbar vor allem in Sibirien und im Ural.
In Kasan steht die Kul-Scharif-Moschee direkt neben der orthodoxen Kathedrale im Kreml – ein Nebeneinander, auf das die Stadt ausgesprochen stolz ist und das der UNESCO als Begründung für den Welterbe-Status diente.
Moscheebesuch: was anders ist als in der Kirche
- Schuhe ausziehen vor dem Gebetsraum – Regale oder Tüten stehen am Eingang bereit.
- Männer behalten die Kopfbedeckung auf – hier gilt genau das Gegenteil zur Kirche.
- Frauen brauchen Kopftuch und langes Gewand. In der Kul-Scharif-Moschee in Kasan und der großen Moschee in Grosny wird beides am Eingang kostenlos ausgeliehen – auch viele einheimische Frauen nutzen das, weil sie im Alltag keine islamische Kleidung tragen.
- Getrennte Bereiche: Frauen auf die Empore, Männer in den Hauptsaal. Für Touristen sind oft nur die Besucherbalkone zugänglich.
- Freitagmittag meiden – dann ist Hauptgebetszeit, und Besucherbereiche schließen.
- Im Ramadan tagsüber nicht vor oder in Moscheen essen, trinken oder rauchen.
Kirche im Alltag: Was du als Besucher mitbekommst
Auch außerhalb der Kirchenmauern begegnet dir die Orthodoxie ständig, oft ohne dass es religiös gemeint wäre:
- Namenstag statt Geburtstag: Viele Russen kennen ihre Imeniny, den Gedenktag ihres Namenspatrons – früher wichtiger als der Geburtstag.
- Ikonen im Auto und im Büro: Kleine Bilder am Rückspiegel oder im Regal sind alltäglich.
- Segnungen: Wohnungen, Autos, sogar Firmengebäude werden geweiht – auch von Menschen, die sich sonst nicht als gläubig beschreiben würden.
- Fastenzeiten: In der großen Fastenzeit vor Ostern bieten viele Restaurants ein postnoje menju an – rein pflanzliche Gerichte. Für Vegetarier eine gute Nachricht.
- Taufe: Weit verbreitet, oft im Kindesalter, häufig auch bei Familien ohne regelmäßigen Kirchenbezug.
Die wichtigsten Kirchen und Klöster für Besucher
| Ort | Wo | Warum hin |
|---|---|---|
| Christ-Erlöser-Kathedrale | Moskau | Mit 103 Metern die höchste orthodoxe Kirche der Welt, Platz für 10.000 Menschen. Erbaut als Denkmal für den Sieg über Napoleon, 1931 gesprengt, 1995–2000 wiederaufgebaut |
| Basilius-Kathedrale | Moskau | Das Wahrzeichen am Roten Platz, 1555–1561 nach der Eroberung Kasans erbaut – innen ein Labyrinth aus neun kleinen Kirchen. Heute Museum |
| Sergijew Possad | 70 km nordöstlich von Moskau | Wichtigstes aktives Kloster Russlands und Sitz des Patriarchen, UNESCO-Welterbe. Hier entstand Rubljows Dreifaltigkeits-Ikone. Klassischer Tagesausflug |
| Kischi-Pogost | Karelien, Onegasee | Die 22-kuppelige Verklärungskirche von 1714, ganz aus Holz und der Überlieferung nach ohne einen einzigen Nagel gebaut. UNESCO-Welterbe, per Tragflügelboot erreichbar |
| Auferstehungskirche („Blutskirche“) | Sankt Petersburg | Errichtet an der Stelle des Attentats auf Alexander II.; innen rund 7.500 m² Mosaik – der bildgewaltigste Kirchenraum Russlands |
| Alexander-Newski-Lawra | Sankt Petersburg | 1710 von Peter dem Großen gegründet; auf dem Friedhof liegen Dostojewski, Tschaikowski und Mussorgski |
| Solowezki-Kloster | Weißes Meer | UNESCO-Welterbe mit doppelter Geschichte: Klosterfestung seit dem 15. Jahrhundert – und 1923 das erste Lager der Sowjetunion, Prototyp des GULAG |
| Diwejewo | Gebiet Nischni Nowgorod | Größtes Frauenkloster Russlands mit den Reliquien des Hl. Serafim von Sarow und der „Heiligen Furche“ – einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte |
| Kul-Scharif-Moschee | Kasan, Tatarstan | Vier Minarette, blaue Kuppel, 2005 zum 1000-jährigen Stadtjubiläum eröffnet – im Kasaner Kreml direkt neben der orthodoxen Kathedrale |
| Iwolginski-Datsan | Burjatien, bei Ulan-Ude | Zentrum des russischen Buddhismus, gut mit einer Transsib-Reise zu verbinden |
Häufige Fragen
Feiern die Russen Weihnachten am 24. Dezember?
Nein. Die Russisch-Orthodoxe Kirche folgt dem julianischen Kalender, daher fällt Weihnachten auf den 7. Januar. Der 24. und 25. Dezember sind in Russland normale Arbeitstage. Das große Familienfest mit Geschenken und Festtafel ist Neujahr in der Nacht zum 1. Januar.
Muss ich als Frau in der Kirche ein Kopftuch tragen?
In aktiven Kirchen und besonders in Klöstern ja – ein einfacher Schal genügt, und oft liegen am Eingang welche zum Ausleihen bereit. In reinen Museumskirchen wie Teilen der Basilius-Kathedrale wird es nicht verlangt. Im Zweifel den Schal einfach umlegen, das ist nie falsch.
Darf ich als Nicht-Orthodoxer eine russische Kirche betreten?
Ja, uneingeschränkt. Orthodoxe Kirchen stehen allen offen, auch während des Gottesdienstes. Von den Sakramenten wie der Kommunion bleiben Nicht-Orthodoxe ausgeschlossen, aber Anwesenheit, Beten und Kerzenanzünden sind für jeden möglich.
Wann ist orthodoxes Ostern 2027?
Am 2. Mai 2027. Das orthodoxe Osterdatum wird nach dem julianischen Kalender berechnet und fällt deshalb meist später als das westliche Ostern. 2026 war es der 12. April, 2028 ist es der 16. April.
Wie viele Menschen in Russland sind wirklich gläubig?
Als orthodox bezeichnen sich je nach Umfrageinstitut 65 bis 73 Prozent der Russen. Die tatsächliche Praxis sieht anders aus: Nach einer Lewada-Erhebung vom Februar 2026 besuchen 55 Prozent nie einen Gottesdienst, und laut einer Pew-Studie gehen nur rund sechs Prozent wöchentlich in die Kirche. „Orthodox“ ist für die meisten also eine kulturelle Selbstbeschreibung, keine Aussage über Frömmigkeit.
Was ist das Eisbaden am 19. Januar?
Zum Fest Krestschenije (Theophanie) wird das Wasser geweiht. Viele tauchen in der Nacht zum 19. Januar dreimal in ein kreuzförmig ins Eis geschnittenes Loch, den Iordan. Interessant: Der Brauch ist gar nicht alt – vor der Revolution war das Eintauchen unüblich und wurde kirchlicherseits teils sogar missbilligt. Wer mitmachen will, sollte nur offiziell betreute Stellen mit Rettungsdienst nutzen – und keinen Alkohol getrunken haben.
Russlands Klöster und Kathedralen selbst erleben
Sergijew Possad, die Kishi-Insel, die Kul-Scharif-Moschee in Kasan: Auf unseren begleiteten Reisen erklären deutschsprachige Reiseleiter, was hinter den Bildern steckt.
Begleitete Reisen ansehenKostenlose BeratungUmfragedaten: Lewada-Zentrum (September 2025 und Februar 2026), VCIOM (Mai 2025), Pew Research Center (2017). Zur Einordnung: Die russische Volkszählung 2021 erhob die Religionszugehörigkeit nicht – alle Angaben zu Konfessionsanteilen beruhen auf Umfragen. Bewegliche Festtermine nach der julianischen Osterrechnung. Stand: Juli 2026.